Als Frau im “Männer-Abteil” in Teherans U-Bahn

Mein liebgewonnenes Ritual

Ein guter Tag beginnt immer mit einem Tee. Wann immer meine müden Äuglein erstmals Richtung Küche blicken, haben meine Gastgeber dort schon fürs Lebens-Elixier gesorgt. So auch diesen Morgen. Zwar ist unsere zeitbegrenzte WG ohne Matin nicht komplett, aber ich fühle mich schon nach kurzer Zeit wie zuhause.

Teheran in neuer Begleitung

Seit ich im Iran bin, weicht mir meine liebe Elaheh nicht von der Seite – doch heute muss es mal sein, damit sie ihren Vater im Krankenhaus besuchen kann. Allerdings wäre sie nicht Elaheh, wenn nicht auch für diese Zeit bereits der perfekte Plan stünde. Längst hat sie einem Freund genaueste Instruktionen gegeben: „Jana möchte gerne mal mit der U-Bahn in Teheran fahren, also mach das bitte mit ihr, wenn ihr zum Basar fahrt. Ich bring sie mit dem Taxi zur Station, da treffen wir uns!“ Seine Reaktion: „Warum um Himmels Willen möchte sie das? Die U-Bahnen sind überfüllt und das Ganze ist nur anstrengend, was soll daran so toll sein?“ Genauso berichtet er es mir, als ich wie ein kleines Staffelholz an ihn übergeben werde.

Er heißt Ruhola und arbeitet im ZDF-Büro Teherans. Hier schließt sich der Kreis zu den Mainzelmännchen, die ihr auf Fotos des Auto-Armaturenbretts in vorangegangen Beiträgen sehen konntet. Während wir uns durch das Gewusel der Fahrkarten-Stationen schieben, erkläre ich ihm meinen seltsam anmutenden Wunsch und jetzt auch euch: Als ich in New York war, habe ich es versäumt, einfach mal in diese Alltagssituation einer Mega-Metropole einzutauchen. Das bereute ich hinterher, als mir andere davon erzählten. In Istanbul holte ich das nach und fand es interessant, wie anders das Feeling sein kann, als wenn man gewohnheitsmäßig die heimischen Nahverkehrsmittel nutzt. Hinzu kam in Teheran noch meine Neugierde, ob die Wagons tatsächlich nach Geschlechtern aufgeteilt sind.

Begegnungen in der Teheraner U-Bahn

Diese Frage beantwortet sich für mich schnell. Als die Bahn einfährt, steigen mit uns gefühlt 100te Männer in den Wagon. Ruhola schiebt mich vorsichtig vor sich her, damit ich nicht abgedrängt werde. Doch, wie durch ein Wunder, habe ich im Abteil angekommen spürbar mehr Luft um mich herum, als in einer beliebigen Hamburger S-Bahn zur Rush-Hour. Direkt neben mir entdecke ich das einzig sichtbar weibliche Wesen außer mir. Es ist eine junge Frau, die mich interessiert mustert und schließlich auch anspricht.

Sie ist neugierig, wo ich herkomme, warum ich hier bin, was ich mir alles angucke und wir es mir bisher gefällt. Wir plaudern auf Englisch und sie bestätigt mir, dass wir uns tatsächlich in einem eigentlich reinen „Männer-Abteil“ befinden. Sie ist sich nicht sicher, ob sie wirklich gegen ein geltendes Gesetz verstößt, wenn sie hier mitfährt, würde aber diese Abteile bevorzugen, da bei denen für die Frauen ein wesentlich robusterer Umgang herrsche. Hier hingegen würde Rücksicht auf sie genommen werden – und das kann ich bestätigen. Die Männer agieren ausnehmend umsichtig. Uns guckt auch keiner komisch an. Na gut, mich vielleicht doch mit einer Spur von Neugierde, weil ich offensichtlich fremd bin. Aber ansonsten wird einfach darauf geachtet, uns in der Enge zu schonen. Clever. Ich mag die Frau. Sie grinst auch ganz süß, fast verschwörerisch, als sie mir ihre Abteil-Wahl erläutert.

Wir müssen umsteigen und auch dieses Mal begegne ich genau einer Frau. Eine vor langer Zeit in den Iran immigrierte Russin, die mir ihren Sitzplatz anbietet. Ich lehne mehrfach dankend ab. Sie ruft ihren Cousin herbei, der ein Stückchen weiter steht und mir als erstklassiger Tour-Guide für Teheran angepriesen wird. Er will mir seine Handy-Nummer geben und sagt: „Ich eine Weile in Deutschland leben. Ich war Asylant! Helfen dir hier!“ Doch ich verweise dankend auf Ruhola, der während unserer Bahnfahrt fast schon zum Statist wird. Als unsere Station naht, begleiten mich herzliche deutsch-russisch-persische Abschiedswünsche.

Fazit: Der Ausflug in die Teheraner U-Bahn-Welt hat sich gelohnt. Nur leider habe ich dieses Mal keine Bilder dazu für euch, weil ich viel zu sehr damit befasst war, mich mit den Leuten zu unterhalten und zugleich den Anschluss nicht zu verlieren.

Wer Essen liebt, sollte den Iran bereisen

Schließlich erreichen wir unser Ziel: den Basar von Teheran. Auch hier hat Ruhola genaueste Anweisungen von Elaheh erhalten, wo er mit mir hingehen soll. Ich sehe ein bisschen Angst und dann Erleichterung in seinem Gesicht, als wir das Restaurant erreichen, in dem er mit mir Mittagessen gehen soll. Warum, werde ich noch später verstehen. Der unscheinbare Eingang liegt am Anfang der Basar-Gasse. Wir gehen eine Treppe hoch und stecken auf einmal mitten im Trubel. Die Leute wuseln wie Ameisen um uns herum. Vor dem Tresen, ähnlich einem McDonalds-Counter, bilden sich unübersichtliche Schlangen. Meine Blase ist nervös tangiert. Ruhola nickt einfach nur ruhig: „The toilet is on the next floor. Just go, I’ll fix this!“

Das tue ich dankbar und fließe vor Dankbarkeit noch viel mehr über, als mir eine französische Toiletten-Version sauber entgegen strahlt, zu der mich der freundliche WC-Beauftragte mit ausladender Geste weist. Alle Achtung, der nimmt seinen Job ernst! Aber ein Trinkgeld-Tischchen gibt es für ihn nicht. Ich kann mich nur mit einem Lächeln und meinen kleinen Persisch-Kentnissen bedanken.

Zurück im Lokal ruft mir Ruhola zu, der für uns einen Platz ergattert hat. Vor mir steht kein kleines Mittagsmahl, sondern eine ausgewachsene Herausforderung! Die eine Hälfte des Tellers ist von pikant gewürztem Lamm-Fleisch samt Reis bedeckt, die andere überlagert von einem riesigen Stück herzhafter Backware mit Berberitzen, Safran-Reis und Kräutern. Und damit auch keinesfalls Wünsche offen bleiben, gibt es dazu noch einen Minze-Dipp und Oliven.

Das Essen schmeckt gigantisch gut. Natürlich bin ich maximal überfordert von der Menge, aber ich kann nun nachvollziehen, warum Elaheh uns gezielt hierher schickte. Und erstmals haben Ruhola und ich jetzt auch mal Zeit für einen ausgiebigen Austausch.

Welch amüsant-interessante Details und Thesen uns zu nationalen sowie internationalen Unterschieden menschlicher Eigenheiten auffielen und warum seine anfänglichen Befürchtungen vor meinen Augen lebendig wurden – dazu das nächste Mal mehr.

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