Ein ganz normaler Morgen

„Verdammt“, fluche ich, als ich die Nachrichten aus dem Radio im Badezimmer höre. „Wieso ist das schon halb?“ Mein doofer Wecker – der als solches ja eh Dank Handy seinen Dienst ausgehaucht hat – geht falsch. Die Regionalbahn kann ich knicken. Also schnapp ich mir schnell die letzten Sachen und hechte zur U-Bahn.

Es regnet mir unentschlossen nieselig ins Gesicht. Wieder einmal umsonst geschminkt. Egal. Bei mir bleibt ja eh nichts haften. Ich möchte gern mal wissen, wie es anderen Frauen gelingt, non-stop so auszusehen, als hätte sie gerade Udo Walz aus dem Ei gepellt.

In der U-Bahn steigt ein Mann mit Hund hinter mir ein. Es ist eine verdammt kleine Version von Hund. Und eine pragmatische noch dazu. Der winzige Wuschel macht die mindestens nötigen Schritte bis hinter die Tür und bleibt wie angewurzelt stehen. Nur unwillig lässt er sich von seinem Herrchen noch ein paar Zentimeter weiterziehen. Von da an friert er über viele Stationen hinweg zum Standbild ein. Dann durchzuckt ihn auf einmal ein Ruck, er dreht sich zur Tür um und siehe da: Die nächste Station ist tatsächlich diejenige, an der die beiden aussteigen. Wahnsinn. Dieser schwarz-weiße Teddy auf vier Beinen hat eine eingebaute Gewohnheits-Zeituhr. Denn sehen konnte er nicht viel mehr als diverse Fußpaare.

Mir gegenüber steht ein Typ, der auch lächeln muss. Aber er bleibt dann auch der Einzige auf meinem weiteren Weg. Echt übel, an welch gestresst-genervten Gesichtern man morgens so vorüberzieht. Zumal so viele eine eingebaute Vorfahrt haben. Als würde ich als Mini gegen ein Mercedes-Rudel antreten. Spätestens am übervollen Hauptbahnhof überkommt mich wieder dieser Fluchtreflex, als ich auf dem gegenüberliegenden Gleis den Zug nach Lübeck erspähe. Aber natürlich muss ich widerstehen. Auf mich wartet ja schließlich Hamburgs Glanzlicht: Hammerbrooklyn. Der Ort mausgrau fröhlicher Betonbunker für eifrige Arbeiterbienchen.

In der S-Bahn behalte ich durchgehend den Rucksack des Hünen vor meiner Nase im Blick. Er könnte mich locker damit ausknocken.

Ergeben reihe ich mich in die Horde ein, während eigentlich viel zu viele Menschen auf einmal einen Bahnsteig verlassen wollen und passe mein Tempo an, um weder überrannt zu werden, noch unliebsame Nähe mit meinem Vordermann aufzunehmen. Macht es mich zum Stadtmenschen, wenn ich in ihr geboren wurde oder darf ich das befremdlich finden? In mir steigen zärtliche Gefühle für mein Auto auf, da wir noch täglich bei Musik oder Hörbuch ganz entspannt stadtauswärts zogen.

Als ich schließlich ankomme, bin ich zwar zu spät, aber das Glück ist mit mir. Unser Schulungslehrer hat den Start in den Montag genauso verstolpert wie ich. Nur: Er darf Fragen stellen und ich sollte die Antwort kennen. Sie schlummert auch in mir, aber meine Synapsen schwingen noch frei. Vermutlich feiern sie gerade erst ihr zögerliches Wiedersehen.

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