Meine Ankunft

Das nächtliche Teheran fliegt an mir vorüber. Wir haben eine 60 km lange Autofahrt vor uns, denn diese Stadt ist einfach riesengroß. Elaheh übersetzt für mich, dass ihre Mutter befürchtet hatte, mein Willkommensgeschenk vergessen zu haben, dabei läge es vor meiner Nase auf der Ablage. Es ist eine silberne Blume mit kleinen Schokoladenherzchen versehen. Ich bin gerührt über diese liebe Geste und lächle ihrer Mutter auf dem Rücksitz dankend zu – sie hatte darauf bestanden, dass ich vorne sitze.

Beseelt von der menschlichen Wärme, die sich im Auto ausbreitet, blicke ich neugierig auf alles, was an uns vorüber rauscht und denke: „Wow, jetzt bin ich wirklich hier!“ Manchmal hatte ich Sorge, ob alles klappen würde und nun war ich da, wo ich sein wollte. Und es fühlte sich aufregend schön an.

Schließlich biegen wir in eine Sackgasse ab. Ein Tor öffnet sich und wir fahren in eine kleine Garage, die zugleich das Treppenhaus des Hauses ausmacht. Elahehs Mann erwartet uns bereits in ihrer Wohnung. Ich sehe Matin auf den ersten Blick an, dass ihm das Herz aus den Augen leuchtet. Das Willkommen ist herzlich und wir machen es uns im Wohnzimmer gemütlich. Als ich sehe, wie hübsch sie alles vorbereitet haben mit kleinen Naschereien und Kerzen, eile ich zu meinem Koffer, um wenigstens meinerseits auch kleine Mitbringsel zu überreichen. Es dauert ein bisschen, ehe ich realisiere, dass im Fernseher gerade das ZDF läuft und muss lachen. Schon ein bisschen skurril, die Heimat in der Ferne direkt vor die Nase zu bekommen, zumal dieser Sender sicherlich nicht konform mit dem Regime geht.

Wir sitzen ungeachtet der späten Uhrzeit noch lange beisammen, tauschen Fotos aus, reden über Familie, Politik, Filme und noch so viel mehr. Oft muss Elaheh übersetzen. Sie hat hervorragend Deutsch gelernt und das Englisch von Matin sowie ihrer Mutter reicht manchmal nicht ganz aus. Ich bin ein bisschen überrascht, als sie mir von Matin die Frage übersetzen soll, ob es okay wäre, mit mir über Hitler zu sprechen. Natürlich tun wir auch das und es ist unterhaltsam, ein Thema zu erörtern, das immerhin auch eine gewisse Brisanz mit sich bringt, da Juden bzw. Israel im Iran ein schwieriges Kapitel sind. Ich möchte dazu auch lieber gar nicht viel mehr sagen, nur soviel: Es wird eine hochinteressante Unterhaltung!

Irgendwann frage ich nach der Toilette und stelle fest, dass hier die Hoffnung auf eine europäische Version vielleicht doch etwas zu optimistisch war. Die sanitären Optionen sind auf zwei kleine Räume aufgeteilt. In der einen befindet sich die Stehtoilette mit separatem Wasserhahn und einem kleinen Waschbecken, in der anderen die Dusche. Beide beherbergen eigene Bade-Latschen, die ausschließlich zur Benutzung der jeweiligen Stätte vorgesehen sind. Ich werde noch oft aus Versehen mit den Latschen weiter stiefeln, ehe ich zurück husche, um sie wieder an ihrem zweckmäßigen Ort abzustellen. 😉

Es ist spät, als Elahehs Mutter schließlich doch die Müdigkeit übermannt und sie sich auf den Heimweg macht. Nun steht die Frage an, wo ich schlafen würde. Diese Klärung dauert etwas länger. Ich will gerne die Matratze auf dem Boden beziehen, doch das wird nach einigem Hin- und Her abgeschmettert. Es kommt nicht in Frage, dass ich als Gast auf einem ungewohnt kalten Boden schlafe und so beziehe ich letztlich das Ehebett. Natürlich kommt mir das falsch vor, aber irgendwann gebe ich nach. Wie kann man solch eine Gastfreundschaft noch weiter freundlich abwehren? Mein letzter Blick vor dem Einschlafen gilt also vom ersten Tag an den märchenhaft schönen Hochzeitsbildern meiner Gastgeber, die das Schlafzimmer zieren und zu meiner liebsten WG der nächsten Wochen werden.

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