Toiletten-Geständnisse und drei Nüsse für den Frieden

Zurück nach Teheran

Wieder einmal klingelt mich mein Wecker früh aus den Federn. Ich erinnere keinen einzigen Urlaub, in dem ich derart frühe Würmchen fing, wie auf meiner Reise im Iran. Doch wer in so kurzer Zeit das halbe Land bereisen will, muss eben das Schlafen auf später verschieben.

Nach einem gründlichen letzten Frühstück in Esfahan machen wir uns bei strahlendem Sonnenschein auf, durch die Wüste zurück nach Teheran zu fahren. Ein bisschen trickreich ist es schon, den Weg aus der Stadt zu finden, aber auch im Iran leistet Google-Maps zuverlässige Hilfestellung – immerhin eine Seite, die nicht via VPN ergaunert werden muss.

Exkurs: Internet im Iran

Viele Websites sind im Iran gesperrt, da sie von der Regierung als unmoralisch oder in anderer Form als Störfaktor eingestuft werden. Dazu gehören Nachrichtendienste, Amnesty International, Youtube, Facebook und etliche weitere. Viele Perser umgehen diesen Filter via VPN (Virtuelles Privates Netzwerk). Das sind Software-Lösungen, die u.a. eine verschlüsselte Verbindung zu ausländischen Netzwerken ermöglichen. Ohne solche Hilfsmittel sieht es z.B. so aus, wenn man Facebook aufruft:

Oder man bekommt direkt einen Text angezeigt, der unmissverständlich darauf hinweist, hier mal einer ganz unerlaubten Laune zu folgen. Doch die Perser sind recht erfinderisch und finden immer wieder neue VPN-Optionen, sollte mal wieder eine blockiert worden sein. Es bedarf nur eben jedes Mal einer gesonderten Aktion, um die gewünschten Seiten aufrufen zu können, was man je nach Netzstärke auch schon mal wieder aufgibt.

Maut-Stationen auf der Autobahn

Nicht selten werden wir auf unserer Fahrt vor Rätsel gestellt, was die Kontrolleure der Maut-Stationen wollen: Sollen wir unser letztes Ticket vorzeigen oder ein neues bezahlen!? Interessant finde ich das Detail, dass hinter jeder regionalen Station eine Bank steckt, bei der auf diese Weise ein Kredit ausgeglichen wird, mit der sie die Region stützt.

Ansonsten übernehmen diese Stationen keine kontrollierende Instanz. Manchmal merken wir gar nicht, dass unsere Kopftücher längst komplett runtergerutscht sind. Es interessiert aber auch sonst keinen. Uns wird nicht mal ein irritierter Blick zugeworfen.

Toilettenstop des Grauens

Hin und wieder legen wir kleine Pausen ein, die ich gerne dafür nutze, ein paar Aufnahmen der Landschaft mitzunehmen. Eher werden wir hier verwirrt angeguckt, weil sich vermutlich keiner vorstellen kann, was denn nun bitte an dieser inhaltslosen Sand- und Gesteinsebene so spannend sein soll. Aber ich finde es beeindruckend, weil ich eben diese endlose Weite erstmals live erlebe. Man hört nur den Wind. Sonst ist alles still.

Ich stelle mir vor, wie es wohl wäre, wenn ich in dieser schier endlosen Abgeschiedenheit auf mich alleine gestellt wäre.

Meine Blase erlebt dieses Gefühl schließlich recht exklusiv. Kein Rastplatz ist in Sichtweite, neben uns nicht mal der kleinste Hügel und ich werde konzentriert still. Endlich erreichen wir eine Tankstelle. Als wir aussteigen und auf eine regelrechte Baracke zusteuern, in der sich die Toiletten befinden, ahne ich schon nichts Gutes.

Elaheh verkündet direkt, nicht dringend genug zu müssen – ich aber schon! Sie postiert sich vor der Tür (die sich natürlich nicht abschließen lässt) und ich schraube Atmen und Riechen auf die minimale Überlebensfunktion runter. „Einfach nichts anfassen!“, ermutigt sie mich von draußen und hört kurz drauf mein alarmierendes Quieken. „Alles ok?“ Ich wimmere aus der Horror-Kabine: „Ja, aber mein Po hat den Rand des Mülleimers berührt!“

Versucht ihr mal, über einem Loch im Boden zu balancieren, dabei nicht hinzugucken, was unter euch ist, parallel alles festzuhalten, das nicht in den Weg kommen darf und sonst nichts zu berühren, während die Sauerstoffzufuhr auf Null gefahren wird!

Eindeutig wird mich keine Raststätten-Toilette in Deutschland mehr aus dem Gleichgewicht bringen. Desensibilisierung erfolgreich abgeschlossen.

„Zuhause“ in Teheran

Kurz vor Teheran können wir schon von Weitem den Smog-Nebel sehen, der über der Stadt hängt. Er wird mir am Tag darauf noch schwer zu schaffen machen.

Doch für heute ist unser Programm erst einmal zu Ende. Eigentlich wollten wir einen Zwischenstopp in einer weiteren Stadt einlegen, aber da die Hoffnung bestand, Elaheh könnte ihren Vater nach der OP im Krankenhaus besuchen, fahren wir durch. Leider erfahren wir erst in Teheran, dass er keinen Besuch mehr empfangen darf. Dafür bleibt ihr Mann Matin über Nacht bei ihm.

Also machen wir das Beste aus der Situation, verkrümeln uns bei Tee & Naschereien aufs Sofa und ich führe Elaheh in die Vorweihnachts-Tradition „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ ein – wenn auch recht alternativ auf dem Handy. Sie ist erfolgreich ablenkt, ich freu mich, wie sie sich in den Film verliebt und erlebe mein Weihnachtsfeeling eingekuschelt mit meiner neuen Freundin in Teheran.

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