Eine Liebesgeschichte

Als ich in meine eigene Wohnung zog, war erst einmal alles ganz aufregend. Freunde packten mit an. Stück für Stück wanderte mein Leben in die neuen Wände. Ich erinnere mich noch an den ersten Abend, als ich im Wohnzimmer mit Pizza und Wein auf dem Boden hockte. Um mich herum viele Kisten und eine Matraze, aber ich war happy. Damals lebte mein Vater noch und griff mir beherzt unter die Arme – Streichen, Regale anbringen, Möbel zusammenbauen. Allmählich machte sich mein Heim und ich so ziemlich alles, was man eben so anstellt, wenn keiner mehr guckt.

Doch mit der Zeit merkte ich: Irgendwas fehlt. Es kann auch schade sein, wenn es niemanden interessiert, ob und wann man nach Hause kommt. Und so reifte nach einem Jahr die zaghafte Idee in mir, ob ich nicht vielleicht mal ins Tierheim gehe und Ausschau nach einer Katze halte, die sich über ein Zuhause freuen würde.

Eine neue Mitbewohnerin

Der Flurfunk unter meinen Nachbarn war weitaus schneller als ich. Schon klopfte es an meiner Tür und eine Nachbarin stand vor mir: „Ich hab gehört, du möchtest eine Katze zu dir holen? Meine wirft bald! Willst du?“ Wie gesagt – weitaus schneller! Mein Entschluss stand noch gar nicht. Eigentlich hatte ich nie einen ausgeprägten Hang zu Katzen, der Gedanke bis dahin rein theoretischer Natur. Und mein Respekt vor der langfristigen Verantwortung ließ mich in der realen Entscheidungs-Situation zweifeln. Ich erwiderte also ganz konkret: „Äh, mal schauen!?“

Es war ein paar Wochen später. Ich kam gerade die Treppe hoch, als die Nachbarstür aufflog. Weiß der Himmel, wie sie mich gehört hatte. „Komm schnell, sie wirft gerade“ riefs und zog mich in die Wohnung. So wurde ich Zeugin einer hinreißenden Geburtsszene. Eins um andere kamen die blinden, hilflosen Fellknäule zur Welt. Der Katzenpapa half erst dabei, die Lütten sauber zu schlecken, widmete sich dann seiner Katzenmama – und wir saßen gerührt davor.

Fortan besuchte ich die kleine Katzenfamilie täglich. Die Überrumpelungs-Taktik hatte funktioniert. Ich wurde nicht mehr gefragt, ob ich ein Junges zu mir nehme, sondern welches. Und da war dieses eine Kätzchen, dass von Anfang sein eigenes Köpfchen hatte.

Klein Anusha. Foto: privat

Es konnte noch nichts sehen, da krabbelte es bereits in jede noch so entfernte Ecke und ließ sich dabei durch nichts beirren. Die Fellzeichnung ihres Gesichts ließ sie stets frech aussehen. Man nannte sie deswegen „Harlekin“. Ich korrigierte das. Als ich die Lütte ein paar Monate später zu mir holte, war das der Einzug von „Anusha“.

Katze erzieht mich

Anfangs stand mein Vorhaben, dass hier einige erzieherischen Maßnahmen greifen müssten. Dazu gehörte: keine Katze im Bett. Also schlief ich die ersten Nächte bei ihr auf dem Sofa, damit das Fehlen der Katzenmama nicht ganz so brutal ist. Anusha passte damals locker in meine Handfläche. Schließlich zog ich ins eigene Bett um und schloss die Schlafzimmertür. Ich hielt das erbärmliche Wimmern vor der Tür genau eine Stunde aus.

Anushas erste Tage bei mir. Foto: privat

Was hat die Lütte in Folge nicht alles angestellt und meine Erziehungsversuche ins Lächerliche gezogen. Ich hatte mir wahrlich den größten Dickkopf aus dem Wurf ausgesucht. Fortan erfuhr ich, was Schwund bedeutet und wie bescheuert man sich dabei fühlen kann, Katzen etwas verbieten zu wollen.

So wurde zum Beispiel mein Himmelbett aus Holz zum Klettergerüst. Der Katzen-Ratgeber sagte: Werfen sie etwas, das klirrt und erschreckt. Katze machte Jagd darauf. Der Katzen-Ratgeber sagte: Verstecken Sie eine Wasserpistole, der Strahl muss unvorbereitet kommen. Katze ließ sich pitschnass spritzen und putzte sich sauber, wenn sie mit Klettern fertig war. Der Katzen-Ratgeber sagte: Beweisen Sie Ausdauer. Der kannte Katze nicht. Ich saugte regelmäßig die Holzspähne neben meinem Bett weg.

„Runter vom Tisch, aber sofort!“ Zwei große Katzenaugen guckten mich streitlustig an. Wenn sie gute Laune hatte, sprang sie runter, ehe ich ins Zimmer kam. Ich konnte es hören. Passte ihr was nicht, blieb sie so lange sitzen, bis ich bei ihr war. „Komm doch“, schien sie zu sagen.

Freche Nase. Foto: privat

Ein Leben zu zweit

Hatte ich schwierige Phasen im Leben, übertrug sich das direkt auf Katze. Machte es nicht leichter, aber sie hielt mich auf Trapp und ließ wenig Raum für Selbstmitleid. Eine Zeit lang musste ich jeden Bilderrahmen abhängen, der erreichbar war und nur an einem Nagel hing. Sie fixierte mich, holte mit einer Pfote aus und ließ das Bild so lange schaukeln, bis es fiel. Selbst die Pinnwand räumte sie leer, indem sie peinlich genau mit den Zähnen die Reißzwecken abzupfte. Nicht selten fochten wir Augen-Duelle aus. Sie saß mit erhobener Pfote neben etwas, das sich gut runterschmeißen ließ und wartete ab, was ich tue. Gewann ich, ließ sie die Pfote sinken. Ansonsten siegte die Schwerkraft.

Katze war Meisterin im Klettern und Springen. Keine Gardine war sicher, kein Schrank zu hoch. Manchmal sprang sie auch einfach so los – Kamika(t)ze, mal gucken was passiert. Egal wie! Und wenn es schief geht, wartet man halt einen Moment und schreitet dann stolz von der Bildfläche. Gehörte so.

Bei Freunden und Familie handelte sie sich schnell einen Ruf ein. Man begegnete ihr mit Vorsicht. Katze war alles andere als eine Fensterbank-Kuschel-Version. „Wie geht es deiner Kampfkatze?“, hörte ich nicht selten. Sie entwuchs dem Pflegelalter eigentlich nie so ganz. Aber viele schätzten sie auch gerade deshalb, weil sie ein echter kleiner Charakter war.

Kleiner Charakter – große Wirkung

Sie suchte sich aus, wen sie mochte. Das war nie vorhersehbar. Ich weiß noch, wie ich bei einem Handwerker anmerkte: „Äh, lieber nicht anfassen, das könnte wehtun.“ Daraufhin schmiss sie sich ihm zu Füßen und schnurrte wie ein Rasenmäher. Er guckte mich an: „Hm, sehr gefährlich, ich seh schon!“

Mitunter hat sie mich auch beschützt. Ein Mal hat sie zum Beispiel vor mir gemerkt, dass ich total daneben lag. Ich sag so etwas eigentlich nicht über verflossene Bekanntschaften. Aber diese eine Ausnahme kommt garantiert nicht in die Hall of Fame und Katzes Auftritt ist legendär. „Jana“, hörte ich den Hilferuf aus der Küche, „Kannst du mal bitte kommen?“ Da jammerte also der gleiche Mann, der gerade erst damit angab, dass ihn alle Katzen mögen und er auch sonst King of the Universe ist. Ich kam in die Küche. Dort saß Katze zwischen ihm und der Tür. Sie tat eigentlich gar nichts – kein Knurren oder Fauchen, aber ihr Blick reichte aus, dass er sich nicht an ihr vorbei traute. Ich musste schmunzeln, trat aber dazwischen, damit er aus der Küche gehen konnte. Daraufhin tat Katze etwas, was sie zuvor nie und danach auch nie wieder tat: Sie jagte hinter ihm hinterher! Er lief panisch ins Wohnzimmer … und sie kam just darauf zufrieden zurück in die Küche. Ich könnte schwören, dass sie gegrinst hat, ehe sie fressen ging.

Mein kleiner Schatten. Foto: privat

Irgendwann naht der Abschied

Ich war Anfang der 20er, als Katze zu mir kam. Wir haben viele Zeiten zusammen durchgestanden. Mal musste sie zurückstecken, mal musste ich den Preis bezahlen, ihr viel abzufordern. Oft hab ich geschimpft. Meine Nachbarn kennen garantiert den Ruf „NUUUUUSH!“ oder „KATZE!“, wenn sie ihren Dickkopf einsetzte.

Das konnte sie so gut. Motzgesicht und aufgestoßene Badezimmertür, weil ich zu langsam war. Entrüstetes Schnaufen, wenn ich mich schlafen stellte. Vorwurfsvolle Blicke, wenn ich nicht auf sie einging. Aber auch zärtliches Putzen oder schnurrendes Einkuscheln, wenn sie Nähe suchte.

Zuletzt musste ich doch für sie entscheiden, damit sie nicht leidet, obwohl ich das nie wollte. 18 Jahre ab der Geburt schafft so viel Nähe. Die Entscheidung zu treffen und diesen Teil des Lebens in seinen Armen gehen zu lassen war reinste Vernunft. Das Gefühl hinkte hinterher.

Es wird keine andere geben. Anusha ist die Liebesgeschichte mit (m)einer Katze.

Anusha Knopfauge. Photo: privat

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