Zu Gast bei der Familie

Auf dem Weg zum Auto begegnen wir Nachbarn von Elaheh und Matin in der Garage. Die Frauen sitzen bereits im Auto und winken mir freundlich zu. Der Mann – etwas älteren Semesters – erkundigt sich über meinen Besuch, lächelt mir entgegen und schneller, als ich denken kann, strecke ich ihm zur Begrüßung meine Hand entgegen. Noch in der Bewegung fällt mir ein, dass ich hier gerade gegen die hiesige Etikette verstoße. Schon zuckt meine Hand verunsichert leicht zurück, da macht der Mann schnell einen beherzten Schritt auf mich zu und ergreift meine Hand. Eine sehr nette Geste, wie ich finde, um mich nicht zu verunsichern und dafür selbst über seinen Schatten zu springen. Denn eigentlich ist es im Iran nicht üblich, dass Frauen und Männer sich die Hand geben. Jedenfalls bei vielen der älteren Generation. Das kann man finden, wie man will, es ist eben so. Ich lächle erleichtert zurück und nehme mir vor, ab jetzt einfach den Männern zu überlassen, ob sie die Hand von sich aus reichen. Dann kann ich nichts falsch machen.

Trotzdem ist es erstmal ein seltsames Gefühl, als wir bei Elahehs Eltern ankommen und die Mutter mich an sich drückt, während ich dem Vater einfach nur gegenüberstehe. Er legt seine Hand aufs Herz und neigt leicht seinen Kopf. Eine Geste, der ich noch öfter begegnen sollte, aber keine erinnere ich so warm wie die von Elahehs Vater, was wohl einfach an seinem sympathischen Wesen liegt. Und für mein Empfinden steht solch eine Form der Begrüßung einem Handschlag auch in nichts nach. Im Gegenteil. Eine respektvoll angedeutete Verneigung mit der Hand auf dem Herzen mag ungewohnt sein, drückt aber ein Willkommen aus, das kein Händedruck überzeugender transportieren könnte.

Wir legen unsere Kopftücher ab und setzen uns im Wohnzimmer zusammen. Mir werden Tee sowie diverse Früchte auf einem Teller gereicht und das Probieren sehr ans Herz gelegt. Ich beobachte beunruhigt, dass sich in der offenen Küche ein Abendessen ankündigt, das auch noch Platz in meinem Magen einfordern wird. Natürlich möchte man gerne wissen, was mich zu meiner Reise bewog und wie es mir bislang gefällt. Ich bin in eine recht reisefreudige Familie geraten. Die Wohnung steht voller Andenken aus afrikanischen Ländern und ich erfahre, dass Elahehs Vater neben den Reisen mit ihrer Mutter auch als Ingenieur viel unterwegs war. Ihre Mutter führt mich gerne herum und zeigt mir eine Menge Fotos.

Irgendwann möchte der Tee raus und ich erkundige mich nach der Toilette. Ein Hauch von Glück huscht über mein Gesicht, als ich die europäische Version vor mir entdecke. Schon erstaunlich, wie zufrieden es einen machen kann, sich einmal hinsetzen zu dürfen. 😉

Zum Essen kommt auch eine von Elahehs Schwestern. Eine andere, die in Kanada wohnt, hatte ich am Vorabend bereits via Video-Telefonat kennengelernt. Die Dritte im Bunde sollte ich noch treffen. Der Tisch wird gedeckt und während ich versuche, mitzuhelfen, wird mir eigentlich alles aus der Hand genommen. „No! You are our guest! Please, take a seat!“ Aber wie kann man das tun, während wirklich alle anderen um einen herum huschen? Ich kann es nicht. Doch ich werde immer wieder liebevoll ausgeschimpft, es doch bitte sein zu lassen, also gehe ich dazu über, das üppige und äußerst lecker aussehende Mahl zu fotografieren. Natürlich hatte Elahehs Anruf nicht wirklich viel bewirkt. Und falls doch, wäre es spannend zu wissen, wie voll der Tisch wohl sonst ausgesehen hätte.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber trotz des späten Mittagessens wandert sehr viel in mich hinein. Es ist einfach zu gut! Elahehs Mutter ist eine begnadete Köchin. Ob Hähnchen in vollendeter Marinade und Soße mit Gemüse, karamellisiertem Safran-Reis, Auberginen-Mousse mit Datteln, sauer eingelegten Beilagen oder erfrischenden Kräutern – mein Herz als leidenschaftlicher Fan guten Essens geht auf wie eine vor Frühlingsglück strotzende Blume. Und selten hat mein Auge mehr mitgegessen.

Nach dem Essen wiederholt sich natürlich das Prozedere, als ich erneut versuche, beim Abräumen zu helfen. Ich gebe auf. Nach und nach kommen alle zur Ruhe, es wird erneut Tee gereicht und wir lümmeln geradezu gemütlich zusammen herum. Meine Anspannung ist längst verflogen, Bilder werden ausgetauscht, neue gemacht, ich fühle mich nicht, als wäre ich zum ersten Mal hier und ausgesprochen wohl im Kreise der Familie. Dabei wird es so spät, dass wir erst aufbrechen, als der Vater bereits zu Bett gegangen ist. Leider geht es ihm gerade gesundheitlich nicht gut. Also machen wir uns leise auf den Heimweg.

Gegen Mitternacht sind wir wieder zuhause und packen für Elahehs und meine Reise nach Isfahan am nächsten Tag. Doch wir gehen erst zwei Stunden später schlafen, da es noch soviel zu Reden gibt. Unsere gemeinsame WG-Zeit ist einfach zu kurz, um alles austauschen zu können und wir nutzen jede Minute, bis auch das letzte Auge träge blinzelt. Ich schlafe so schnell ein, dass ich keinen angefangenen Gedanken zu Ende führen kann, ich bin einfach wie ausgeknipst …

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