Handwerkerfreuden

Der Moment, wenn ein undefinierbares und anhaltendes Geräusch aus dem Bad ins Schlafzimmer dringt, während Katze neben einem hockt – irgendwie unschön. „Katze, geh mal gucken!“ Tatsächlich trabt sie los, bleibt aber hinter der Tür abrupt stehen, setzt sich, guckt ins Bad, kommt zurück und schaut zu mir hoch. Ich könnte schwören, in ihrem Blick liegt so etwas wie ernstliche Irritation – irgendwie auch kein gutes Zeichen. Seufzend schwinge ich mich aus den Federn, obwohl ich noch mindestens drei Mal auf den Wecker hätte hauen können und empfange mein Geschenk des Tages: Es regnet im Badezimmer! Einen beherzten Sprung in die Klamotten später flitze ich zur Nachbarin hoch. Ins Handtuch gewickelt steht sie vor mir und ich schlussfolgere messerscharf: „Aha, du hast gerade geduscht!“ Sie guckt mich irritiert an: „Äh, ja?!“ Und ich löse auf: „Bei mir plätschert es durch die Decke!“ Ein unguter Tag nimmt seinen Lauf.

Natürlich dauert es, bis jemand kommen kann. In der Zwischenzeit inspiziere ich meine Wohnung und lokalisiere den Schaden nicht nur im Bad, sondern auch in der Küche. Wie selten man doch einfach mal so an die Decke und versteckte Ecken guckt. Das Elend braute sich wohl schon länger zusammen und mit der Eskalation macht sich auch sanft muffiges Aroma in der Wohnung breit. Welch schöner Erkenntnismoment für eine Ode an die Freude.

Erst erscheint der Hauswart auf der Bildfläche. Sein Wissen ist angeboren, das Erfassen der Lage reine Routine und meine Erläuterung zur Sachlage so unwichtig wie das Abnippeln einer Eintagsfliege im gesamtem Kosmos. Ich höre mich reden, er nicht. Das vollendete Klischee hätte nur noch verlangt, auf den fehlenden Mann im Haus hinzuweisen, mit dem das alles nicht passiert wäre. Also kapituliere ich müde und warte den Handwerker ab.

Endlich klingelt es und zwar gleich Sturm. Ich öffne mit den Worten, dass der Westflügel gar nicht so groß sei und ich die Türklingel recht gut hören könne, aber der Hüne vor mir sieht nicht so aus, als hätte er gerade Sinn für Humor. Energisch stapft er an mir vorbei ins Badezimmer und flucht drauf los: „Ach du Scheiße, was ist das denn für eine enge Pappschachtel hier, heute ist ja echt mein Glückstag!“ Ja, meiner auch, denke ich, halte mich aber lieber dezent im Hintergrund. Sein Handy klingelt: „Dann kaufst du eben das andere Fleisch!“ brüllt er in den Hörer, latscht volle Lotte ins Nasse und will gerade mit seinen Waldbrandtretern zurück in den Flur – schnell lege ich was zum Abtreten vor seine Füße, als ich die schwarzen Spuren sehe. Er guckt mich verdattert an. „Ehm, geht ganz leicht“, sage ich „Einmal darauf treten und erst dann auf meinen Teppich im Flur!“ Entnervt folgt er mit rollenden Augen meiner Anweisung und verfällt in der Küche in erneute Schimpftiraden: „Mädels, Mädels, das kann doch wohl nicht wahr sein, was ist das für eine Scheiße! Das kannste alles rausreißen, sieht doch ein Blinder mit Krückstock!“ Ich sehe immer noch nicht meinen Fehler an der Misere und lasse ihn weiter Auskollern. Immerhin hört er mir zu und begibt sich daraufhin auf die Suche nach der Ursache für die parallele Flut in der Küche. „Ich bin gar nicht neugierig“ kommentiert er das Ausräumen meines Unterschranks der Spüle, während die Staubsaugerbeutel nach Fabrikat untersucht werden. Ergeben lasse ich mich auf den Phrasen-Smalltalk ein: „Nee is klar, nur interessiert!“ und verwerfe jede Scham, dass mein Spülschrank von innen aussieht wie der Wühltisch bei Aldi.

Der polternde Bär wechselt in wachsender Höchstlaune zwischen den Stockwerken und steht schließlich abwartend vor meinem Bad, nachdem er bei meiner Nachbarin die Dusche aufdrehte und sie (was ich später erfuhr) mit dem Eimer schöpfend darauf bedacht war, dass nicht gleich die ganze Wohnung geflutet wird. „Wie kann man auch so bescheuert sein, irgendwo rumzudrehen, wo man keine Ahnung hat! Ich sag dir, das wird nicht billig. Guck mal da, die halbe Decke ist hin, das gibt nur Schimmel“, brachialt er weiter, während sogar Katze mit gewisser Faszination vorbeischaut, wer hier so inbrünstig brüllt. Offenbar hatte ein Kumpel meiner Nachbarin mit dem Schraubenzieher das Abflusssieb der Dusche bearbeitet, woraufhin sich eine Leitung löste und der Schmodder seither schön zwischen den Stockwerken absickerte. Eigentlich im Ergebnis sehr ärgerlich für mich, aber das Wettrennen um den Ätztag der Woche hat der Handwerkergott wohl schon in der Tasche. Ich überlasse ihm den fragwürdigen Sieg, der mithin auch gleich noch den unfreundlichsten Handwerkerbesuch mit einschließt. Bei mir kriegt jeder einen Kaffee und Verständnis, aber dieser Vertreter hat eher Glück mit meiner Geduld.

Ein Happyend ist bislang nicht in Sicht. Mir wird allen Ernstes ein Maler geschickt, der das Schlamassel übertünchen soll. „Natürlich misst er den Feuchtigkeitsgrad vorher“, so die Ansage der Genossenschaft. Also, ich könnte den nach Augen- und Geruchsmaß auch so liefern: Modermuff, verformte Wände und durchweichte Decken wären eventuell ein Indiz für Maßnahmen, die über Wandfarbe hinausgehen. Aber was weiß ich denn schon. Ich bin ja nur für Staubsaugerbeutel zuständig … 😉

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