Klischees und Staunen in Teheran

Internationale und regionale Klischees

Wie sind wir Deutschen eigentlich? Dazu kann es keine allgemeingültige Antwort geben, aber immerhin kleine Ansätze, die einen zum Schmunzeln bringen. Während ich mit Ruhola in einem Restaurant des Teheraner Bazars zu Mittag schmause, berichtet er mir von seinen Deutschlandbesuchen. Je weiter südlich er war, desto reservierter erschienen ihm die Menschen. Darüber kommen wir etwas ins Grübeln, da es doch eigentlich allgemein hin eher so ist, dass Menschen in südlicheren Regionen tendenziell entspannter und dem Lebensgenuss gegenüber aufgeschlossener sind. Das scheint aber im westlichen Blick eher überreifend auf Europa zuzutreffen, wenn man mal z.B. die Lebensart der Italiener, Spanier und Portugiesen vergleichend betrachtet. Innerhalb von Deutschland ist der Konservatismus im Süden hingegen stärker ausgeprägt. Ganz anders im Iran. Dort greift die Nord-Süd-Achse der Lebenseinstellung wiederum. So wird zum Beispiel den Menschen im südlich gelegenen Shiraz (meine nächste Station) nachgesagt, dass sie arbeiten, um zu leben und nicht umgekehrt. Ähnlich, wie es in Deutschland regionale Klischees gibt, wird den Shirazern eine latente Faulheit unterstellt, weil sie eher nicht dazu geneigt sind, sich zu stressen. 😉 Verwirrender Weise wird wiederum den Norddeutschen nachgesagt, sehr kühl zu sein, dabei erlebe ich das anders durch einen guten Freund, der regelmäßig aus südlichen Gefilden zu St. Pauli-Spielen hierher flüchtet und jedes Mal die bunte Art der Hamburger genießt. Darum empfehle ich Ruhola auch, doch mal den Norden zu bereisen, weil er auf diese Weise Deutschland vielleicht noch einmal ganz anders kennenlernt.

Als der Kellner kommt, um abzuräumen, bleibt sein Blick an mir kleben: „Where do you come from?“ Wieder einmal werde ich herzlich im Iran Willkommen geheißen und mit ein paar deutschen Vokabeln beschenkt. Ich versuche mein kleines bisschen Farsi im Gegenzug anzubringen und man freut sich über den geglückten Versuch minimaler Konversation.

Menschenschlangen a la Teheran

Schließlich brechen wir auf und ich verstehe, warum Ruhola ursprünglich nicht vor Begeisterung überschwappte, mit mir genau hierhin geschickt worden zu sein. Auf der Treppe, über die wir vorhin entspannt ins Lokal gelangten, herrscht bei den Ankommenden heftiger Stau. An den Treppenabsätzen sind Angestellte postiert, die uns im Vorbeigehen zwischen den Wartenden hindurch Erfrischungstücher reichen – so sieht geregeltes Chaos aus! Je weiter wir gehen, desto größer werden meine Augen. Die Menschenschlange reicht weit über die Treppe hinaus, um die erste Ecke herum in den Basar und die zweite Ecke aus dem Basar hinaus. Draußen hat inzwischen ein dazugehöriger To-Go-Schalter des Ladens für die Eiligen aufgemacht, dessen Schlange allerdings auch längst parallel zu der anderen verläuft … Ich überdenke noch mal meine Relationen zu Warteschlangen, wie ich sie kenne. Gesprengt! Wir flüchtend aus dem Trubel.

So entgeht mir zwar der weitere Basar-Besuch, aber dafür wartet Neues auf mich.

Der Goletanpalast

Heute ein Museum, war er damals der Regierungspalast der Kadscharen (Dynastie in Persien 1779-1925) und vor der Islamischen Republik offizieller Sitz persischer Monarchen.

Er wurde für Empfänge genutzt und hier befindet sich auch der legendäre Pfauenthron, der am Ende einer langen Galerie steht, in der internationale Geschenke jeglicher Besucher ausgestellt sind. Der linke Gang war für einheimische Besucher vorgesehen, der rechte für ausländische. Leider kann ich hier nicht fotografieren, da ich zuvor dabei erwischt werde, überhaupt Fotos zu machen – was in diesem Gebäude leider verboten ist. Den schriftlichen Hinweis habe ich wohl übersehen. 😉

Dafür gibt die Außenansicht noch umso viel mehr zum Staunen her. Endlos aneinander gereihte Torbogen zeigen sämtlich andere Mosaiken.

Die Schönheit ist so berauschend, wie die Erkenntnis, die einen wieder aus dem Genießen reisst, dass der daran schließende Teil des Gebäude-Komplexes das Tribunal für Todes-Kandidaten darstellte. Genau hier stand einstmals der arme Tropf, wenn er sein Urteil empfing, ob er weiterleben darf.

Wir legen irgendwann eine Pause in einem kleinen Café vor Ort ein und natürlich (egal, wo ich bin – Kroatien, Griechenland, Türkei oder jetzt Iran) wittert das tierische Personal eine Verbündete. „schwupps* Schon hüpft mir eine Katze auf den Schoß, mümmelt sich ein und ratzt glücklich schnurrend vor sich hin. Das finde nicht alle gut und gucken teils pikiert! Selbst Ruhola fragt mich, ob ich nicht Angst vor Krankheiten hätte. Ich erwidere, dass die Option erst relevant werden würde, wenn sie mich kratzt oder beißt und den Eindruck vermittelt sie mir nicht gerade.

Irgendwann werden Kunststudenten auf mich aufmerksam, die mit Kameras unterwegs sind und das friedliche Motiv wohl schön finden. Einer kommt auf mich zu und fragt, ob er mich fotografieren dürfe. Ich willige ein, bin dann aber schon ein bisschen erschrocken, als alle nachziehen und ich schließlich knipsend umringt von verschiedenen Seiten aufgefordert werde: „Please, look at me!“

Was wird die Bildunterschrift sein? Beknackte Touristin holt sich einen Flohzirkus auf den Schoß? Na gut, ich kann ja nun nachträglich sagen, dass mir diese arme kleine Schnurrmaus wirklich nichts mitgegeben hat. Die war einfach nur für einen Moment happy, dass sie nicht weggescheucht wird und man sie ein bisschen gewähren lässt.

Als Nächstes finde ich heraus, wie ich hier Video einstellen kann und dann zeige ich euch die ultimative Bewährungsprobe, inmitten Teherans eine Straße zu überqueren. Klingt easy? Na wartet mal ab! In Istanbul kapitulieren die Autofahrer vor den Fußgängern, in Teheran machst du gefühlt ein Auge zu und hoffst das Beste! 😉

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