Mein Flug nach Teheran

Ein letztes Mal drückt mich meine Mutter fest an sich und ich sehe ihr an, dass sie sich viel mehr Sorgen macht, als sie sagen mag, um mir die Reisefreude nicht zu vermiesen. Ich bin freudig aufgeregt und werde zusätzlich von einer Liebeswelle durchspült, als sie mir tapfer eine wunderschöne Zeit im Iran wünscht. Mama bleibt eben Mama. Ich verstehe das.

Eifrig durchsuche ich das Terminal nach meinem Schalter und reihe mich in der Schlange ein. Ich stehe keine Minute an, da fragt mich auch schon eine aufgelöste Frau, ob ich nicht einen Teil des Gepäcks ihrer Mutter übernehmen könnte, weil sie Übergepäck hätte. Noch im Liebesdusel gefangen sage ich zu, das gerne zu erfragen, wenn ich an der Reihe bin – da ruft mir die Frau am Schalter schon von Weitem zu: „Nein, das können Sie nicht! Wissen Sie, was in dem Gepäck ist? Nein! Aber sie übernehmen die Verantwortung!“ Ist ja gut. Okay, hab verstanden. Nicht mal aus dem Land raus und schon zu naiv für diese Welt. Ich lächle die Frau neben mir entschuldigend an, sie winkt ab und lächelt zurück. Hier hat eben alles seine Ordnung.

Am Gate angekommen blinzelt mich die Kontrolleurin bei einem Blick auf meinen Pass verständnislos an. Dann wird ihr Ausdruck selbstsicher und der Ton rhetorisch, fast belustigt: „Sie wollen also nach Teheran fliegen?“ Offenbar erwartet sie, dass ich erschrocken verneine und mich nach meinem Gate erkundige, denn als ich bestätige, läuft die Geschichte noch einmal rückwärts durch ihr Gesicht. „Oh! Ok. Ähm, dann eine gute Reise!“

Im Flieger sitze ich neben einem älteren persischen Mann, der peinlich darauf bedacht zu sein scheint, bloß keine persönliche Interaktion aufkommen zu lassen. Ich ordne das für mich in meine angelesene Kompetenz ein, dass im Iran der Umgang zwischen den Geschlechtern eben etwas anders ist. Vor allem bei älteren Generationen. Also versuche ich, meine Offenheit auf ein Minimum zu schrumpfen, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen. Vor allem, als beim Abflug ein Video gestartet wird, das offenkundig zum Gebet gedacht ist. Man sieht Sonnenuntergänge, durch die Vögel schwingen und Minarette. Mein Sitznachbar streift seine Schuhe ab und zückt die Gebetskette.

Als ich erstmals aufstehe, laufe ich durch eine neugierige Augenpaar-Kette. Auch ich schaue mich um – und entdecke niemanden, der auf den ersten Blick als Europäer eingeordnet werden könnte. Der Dezember bietet sich für Touristen eben nicht ganz so sehr an. Schon spannend, wenn man sonst höchstens mal auf einem Istanbul-Flug eine Minderheit ausmachte.

Während ich noch mit wachsender Faszination dem iranischen Film mit englischen Untertitel folge (man stelle sich die exotische Mischung aus deutschem Tatort und türkischen Soap-Operas vor), wird das Essen serviert. Mein Tisch will sich nicht aus der Lehne locken lassen. Da wird mein Sitznachbar auf einmal doch aktiv. Gemeinsam kämpfen wir mit der Technik und siehe da: Er schenkt mir das erste Lachen!

Sukzessive bekommen wir über die ca. 5 Stunden Flug eine sachte Annäherung hin, wenn auch nonverbal. So traue ich mich dann auch, ihn vorsichtig anzuticken, als die Sonne neben uns untergeht und gebe ihm die Sicht frei. Er bleibt stumm, nickt aber dankend. Doch als wir schließlich über Teheran sind, durchwandert er auf einmal eine spontane Metamorphose. Plötzlich sprudelt er auf gebrochenem Englisch über, zeigt mir durch das Fenster wo welche Orte liegen, möchte wissen, ob ich das erste Mal im Iran bin und wohin ich reisen werde. Ich bin etwas irritiert, freue mich jedoch über die plötzliche Offenheit.

Es dauert dann noch einen weiteren Moment, ehe mir klar wird, dass ich jetzt mal schleunigst nach meinem Kopftuch greifen sollte. Ein Rundumblick reicht, um zu sehen, dass längst alle anderen Frauen verhüllt sind. Ohne Übung und Spiegel kommt man sich erst einmal hilflos vor, aber letztlich ist es ja keine geheime Kunst. Also werfe ich mir einfach den Schal um den Kopf. Trotzdem schaue ich in stiller Hoffnung zu anderen Frauen rüber, ob sie mir helfen mögen. Die sind aber mit sich befasst. Stattdessen nickt mein Sitznachbar anerkennend, als er aufsteht und sich zu mir umdreht: „Very good!“ Wirkt aber eher so, als ob er das generelle Ansinnen anerkennt.

Auf dem Weg aus dem Flieger nehme ich einfach mal die Möglichkeit wahr, eine Flugbegleiterin im Vorbeigehen zu fragen. Mit einem Fingerzeig auf mein Kopftuch frage ich sie, ob das ok sei. Sie lächelt erst und sagt: „Ok!“ Doch dann schränkt sie noch einmal ein: „Well, it’s ok in a modern way!“ Ich nehme das mal so hin. Im Flughafengebäude angekommen, begegne ich noch einmal meinem Sitznachbarn, der einen Bekannten auf mich aufmerksam macht. Der guckt mich aber gar nicht so nett an, also gehe ich lieber weiter, um keine peinliche Situation aufkommen zu lassen.

Und schon stehe ich in einer Schlange, die sich vor meiner Nase rasch aufsplittet. Ich schwitz mir die Seele aus dem Leib. Mantel, Schal auf dem Kopf und um mich herum sehe ich auf einmal nur noch vollverschleierte Frauen und Männer, mit denen ich nicht so gerne diskutieren möchte, dass ich eigentlich vor ihnen anstand. Wer hätte denn auch ahnen können, dass genau an diesem Tag tiefgläubige Muslime aus dem Irak zurückkehren. Das erfahre ich erst hinterher.

Ich habe über eine Stunde Zeit, zu beobachten, wie die Reihe vor mir größer wird, weil Frauen, Kinder und Ältere aus dem Off wieder auftauchen, während die Familienväter den Platz in der Schlange reservierten und starre irgendwann mit viel Kopfkino auf einen Knochen, den ich als den Rest eines Hähnchen-Schenkels identifiziere – völlig deplaziert auf dem Steinboden einer Passkontrolle.

Als ich sie endlich passiere, hat es wenig mit der Gastfreundschaft zu tun, die ich später erfahren würde. Es ist kurz vor Mitternacht. Da ist keiner mehr da, der Lala-Land mit mir spielen will. Ich finde meinen Koffer als letzten seiner Art auf dem stillgelegten Laufband. Er ist so zerstört, dass ich ihn nur gegen viel Widerstand zum Ausgang bewegen kann. Doch da sehe ich auch schon Elaheh hinter der Glasscheibe und meine Laune hebt sich schlagartig …

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