Doppelgänger auf dem Bazar von Esfahan

Begegnungen auf dem Meidan-e Emam Platz

Auf unseren Wanderschaften über den Meidan-e Emam Platz begegneten wir nicht nur Hamid, der uns statt Teppichen beste Unterhaltung und Gastfreundschaft bot, sondern auch einem Doppelgänger von Louis de Funes. Als er uns seine Visiten-Karte in die Hand drückt, ahnen wir noch nicht, dass sein Bruder eine noch viel größere Ähnlichkeit mit einer Hauptfigur aus einem verfilmten Klassiker der 50er Jahre haben sollte.

Zunächst widme ich mich jedoch einem Kartenverkäufer, der so gerne ein paar seiner Motive loswerden möchte. Er kramt derart eifrig in seiner Sammlung, dass ich nicht ablehnen mag. Zu dieser Jahreszeit hat er sicherlich wenige Abnehmer und mich kostet es wahrlich nur einen Bruchteil meiner Zeit – und meines Geldes sowieso – ihm den Moment zu geben, um ein paar schöne Karten mitzunehmen.

Exkurs Währung im Iran

Die offizielle Währung im Iran sind eigentlich Rial und ihr Kurs hat mit vielen Nullen zu tun: 1 Euro entspricht (nach aktuellen Kurs, 2017) 34.425,9388 Rial. Umgekehrt gerechnet: 1 Rial = 0,000029 Euro. Ich war also für eine kurze Zeit Millionärin in Scheinen und hatte dementsprechend mein altes Portemonnaie mitgenommen, das die ansonsten unpraktische Größe einer kleinen Handtasche hat. Frau von Welt nennt sie Clutch.

Jedoch wird im persischen Alltag schon länger parallel in der alten Währung gerechnet, die bis 1925 die Landeswährung war: der Toman. Und im Dezember des letzten Jahres, also meiner Reisezeit, wurde von der Regierung beschlossen, den Rial wieder durch den Toman zu ersetzen, bei dem eine Null gestrichen wird. Doch so eine Umsetzung dauert ja immer seine Zeit. Also begegnete ich immer wieder dieser Parallel-Rechnung und mir wurden manchmal Summen genannt, die erklärungsbedürftig waren, zumal mich Zahlen ohnehin verwirren. Nicht gerade meine Stärke. Wenn dann auch noch auf Anfrage Abkürzungen genannt wurden: „3,5“ flogen mir die Nullen nur noch rettungslos im Hirn herum – was jetzt genau? Tausend, Hundertausend, Rial, Toman? Es kam nicht selten vor, dass ich Elaheh mein Portemonnaie hinhielt, wenn ich Eintritte bezahlen musste, weil ich schlicht kapitulierte. Ohne sie hätte ich es sicherlich nach ein paar Tage auch gerafft, aber bei unserem Power-Programm war ich dann schon dankbar, diese Denkbaustelle vertrauensvoll abzugeben.

Der Bazar und seine Menschen

Der Eingang zum alten Bazar erinnert mich ein bisschen an Filme, die ich als Kind gerne gesehen habe – eine kleine Geschichte aus 1000 und einer Nacht in ein Bild gegossen.

Kaum eingetreten, werden wir auch schon angesprochen. Das mag z.B. in türkischen Bazaren sicherlich keine Seltenheit sein, aber im Iran passierte uns das eher nicht. Da muss man schon stehen bleiben und Interesse ausdünsten, dann wird man nett gefragt. In diesem Fall ist es eine interessante Begegnung, die nur dadurch zustande kommt, dass man uns auf Deutsch reden hörte. Der Ladeninhaber zeigt sich erfreut, dass ich aus Deutschland komme, da er dort nach eigenen Angaben bereits in der Zeitung war. Er ist fast ein bisschen aufgeregt. Wir lassen uns gerne auf das Gespräch ein und werden rundum eingeführt in die Kunst seines Schaffens.

Er zeigt uns, welche Materialien verwendet werden (unter anderem Katzenhaare – nein, die werden dafür nicht getötet), wie man sie in Schichten zusammenfügt und anschließend abfeilt. Mal sind es ausschließlich Mosaik-Kunstwerke, mal wurde zusätzliche Malerei hinzugefügt. Hinter seiner Ladentheke hat man bereits einige Grüße hinterlassen, um international etwas beizusteuern. Wir bestaunen seine Werke und nehmen natürlich auch das ein oder andere Andenken mit.

 

 

 

 

 

 

Das Marketing funktioniert hier auch ganz ausgezeichnet, indem er uns gleich einen Kollegen empfiehlt, der handgemachte Tischdecken herstellt: „Die hat sogar schon Sigmar Gabriel gekauft!“ Aha, na dann! 😉 Wir brauchen nur höflich anerkennend nicken, da wird auch schon ein Bote losgeschickt, der uns zu dem Wunderort bringen soll.

Wenig später taucht ein Junge auf, der uns abholt und zum besagten Laden leitet. Wir folgen ihm und werden in einen Hinterhof geführt, den wir vermutlich wirklich nicht von uns aus aufgesucht hätten. Und dort erwartet er uns: Don Camillo himself! Kennt ihr noch den alten Schwarz-Weiß-Film „Don Camillo und Peppone“? Unser Verkäufer posiert nur all zu gerne für ein Foto und klärt uns auch gleich auf, wer sein Bruder ist (Louis de Funes), den wir zuvor trafen. Und wer hätte gedacht, dass wir nur wenig später auch noch den kleinen Bruder von Danny DeVito treffen würden. 😉

Wir sehen interessiert zu, wie die Tischdecken handgemacht via Druck-Technik hergestellt werden und lassen uns zeigen, welche vom Meister und welche vom Lehrling sind. Natürlich automatisch zwei Preiskategorien. „Unsere Tischdecken sind die Teppiche für das leichte Gepäck!“ Versteht sich von selbst. Und seine Bildergalerie zeigt, wie viel Prominenz dieses Argument schon überzeugt hat. Mir ist längst egal, hier eingelullt zu werden, eine Tischdecke von Don Camillos Nachwuchs kommt mit nach Hause. Sie sind schön.

Persische Spezialitäten im Speziellen

So langsam wächst das Loch in unseren Mägen und Elaheh lässt sich unterwegs den Weg zu einen Geheimtipp beschreiben. Wir laufen durch etliche kleine Gänge und glauben immer wieder, uns verlaufen zu haben. Doch auf Nachfrage werden wir weiter durchgeleitet, bis wir schließlich in einer Gasse landen, die jeden antiken Flohmarkt vor Neid erblassen ließe. Alte Grammophone stehen neben Radiogeräten in Möbeln, die ich noch aus dem Haus meiner Großeltern kenne und rundherum hängen so viele Dinge, dass es wie ein Wimmelbild aus Kinderbüchern anmutet.

Und in diesem Allerlei landen wir in einem Lokal, das dem Ganzen noch einmal die Krone aufsetzt. Von der Decke hängen unzählige alte Lampen, ringsum ist alles voll von antikem Trödel, dazwischen blitzten die Farben von neueren Dingen auf, die ihrerseits auch schon nach Gestern leuchten und der Kellner könnte glatt Danny DeVitos kleiner Bruder sein. Und das nicht nur, weil er seinen Kugelbauch auch auf kurzen Beinen erstaunlich windig durch die Gegend schifft. Er hat das gleiche spitzbübische Grinsen im Gesicht und mir wird’s langsam fast ein bisschen unheimlich. Klar, es heißt, überall auf der Welt gibt es einen Zwilling. Aber allesamt im Esfahan?

Elaheh bestellt für uns eine persische Spezialität, die sich als folgende Kombination herausstellt: Der klare Sud mit Lammfleisch in einer Schüssel, die Gemüsemasse des Suds als Beilage, die man mit dem Brot isst, das man aber auch zugleich in kleine Stücke zerteilt in die Suppe gibt sowie eine leicht bittere Beigabe (etwas, das ohnehin oft zum persischen Essen gereicht wird, Bitterstoffe reinigen den Körper).

Ich bin ja offen für Neues und gar nicht recht vorbereitet, als ich von Tischnachbarn, einem Pärchen, gefragt werde, wie mir das Essen schmeckt. Natürlich will ich nicht unhöflich sein, obwohl meine Begeisterung nicht gerade durch die Decke geht, und nicke das Essen ab. Doch es folgt eine Tirade von ihnen, wie schlecht das Essen sei und es ihnen sehr leid täte, dass ich nun so einen Eindruck von einer eigentlich sehr leckeren Spezialität des Landes bekommen hätte.

Ok, so übel war es nun auch nicht, aber selbst Elaheh räumt ein, dass es wirklich besser ginge. Sie bestellt uns zur Rettung noch eine Nachspeise. Da kommen weitere Gäste. Erst der Mann. Er ist neugierig und berichtet, selbst mal eine Zeit lang mit einer Deutschen verheiratet gewesen zu sein, sie hätten in Toronto gelebt. Dann kommt auch seine jetzige (persische) Frau hinzu. Wir plaudern angeregt zu viert, ehe sich wieder jeder von uns für sich unterhält. Elaheh und ich albern ausgelassen herum und zum Abschied lacht er zu uns hinüber: „Ihr habt viel zu viel Spaß, das muss verboten werden!“ Dabei zwinkern er und seine Frau uns verräterisch zu.

Mit ein bisschen Gespür für die Zeilen dazwischen bekommt man im Iran viel mit, wie die Menschen eigentlich ticken, gerne leben würden und leise kritisieren …

Auf dem Weg zurück aus dem Wirrwarr der Gassen begegnen uns junge Männer, die unsere deutsche Unterhaltung aufschnappen. Einer von ihnen ruft mir hinterher, ob ich aus Deutschland käme. Als ich nicke, ruft er begeistert: „Ich studiere in Deutschland!“ Darauf brauche ich gar nicht viel zu erwidern, er ist schon glücklich über den gelungenen Austausch. Man winkt sich zu und geht weiter.

Unsere nächste Station ist der Palast der 40 Säulen und obwohl ich schon unendlich viele Eindrücke sammelte, sind wir gerade mal einen Abend und einen halben Tag in Esfahan unterwegs.

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