Sich selbst ganz nah in der Königsmoschee

Die Königsmoschee – ein Baukunstwerk

Nach unserem herzlichen Abschied von Teppichhändler Hamid wenden wir uns dem imposanten Prachtbau am südlichen Ende des Meidan-e Emam Platzes zu.

Die Königsmoschee wird als Meisterwerk islamischer Baukunst angesehen. Ihr Architekt sah sich vor ein Problem gestellt: Wie alle Moscheen war sie nach Mekka auszurichten, was angesichts der Lage des hierzu diagonal ausgerichteten Platzes eigentlich nicht miteinander vereinbar war. Infolgedessen entschied sich der Architekt, sie in einem 45 Grad-Winkel zum Platz zu bauen. Hierbei gelang ihm eine architektonische Besonderheit, indem die Minarette der Moschee von einem bestimmten Blickwinkel des Platzes tatsächlich parallel und nahezu im Einklang mit ihrer Umgebung wirken. Die persische Baukunst mit all ihren optischen und praktischen Finessen beeindruckte mich immer wieder. Damals gab es keine Computerprogramme, alles zu berechnen, sondern nur kluge Köpfe und jede Menge Durchsetzungswille, der buchstäblich Berge versetzte. Um wenigstens ein paar Zahlen zu bemühen: Für den Bau der Moschee wurden schätzungsweise 18 Millionen Ziegelsteine und 472.500 Kacheln verbaut. Wir wollen uns lieber nicht vorstellen, wieviele Arbeiter ihren letzten Schweißtropfen dafür ließen, sie überhaupt hierher zu schaffen.

Friedliche Stille und warme Momente

Der Eintritt in die Moschee ist unkompliziert. Ich muss mir kein Laken überwerfen, sondern darf ganz normal mit Kopftuch eintreten. Als wir in den Innenhof gelangen, bin ich sprachlos. Vor mir liegt eine wunderschöner Moschee-Hof in der immer noch ruhigen Morgenidylle. Es gibt keine lärmenden Touristen, deren Treiben mich unangenehm ablenken würde. Es sind vorwiegend vereinzelte Einheimische unterwegs, die leise umhergehen und ich sehe lediglich einen Rucksack-Touristen, der ebenso still genießt wie wir. Immer wieder verlieren wir uns aus den Augen, weil jeder von uns seine eigenen kleinen Gedanken durch diese riesige Schönheit fliegen lässt.

Ich sauge die Atmosphäre auf und kann nicht ganz davon ablassen, Motive einzufangen, obwohl ich mir vorgenommen hatte, mich nicht durch Foto-Manie abzulenken. Man verpasst so viel, wenn man immer nur die Linse bemüht. Und doch springen mir die schönsten Momente ins Auge. So z.B. als ich in eine Seite des Innenhofs abtauche und mit mir ein Vogel ins Innere fliegt, während ich seitlich sehe, dass der ansässige Rohani(*) lesend an den Fenstern vorbei schreitet. Es liegt soviel Frieden in dieser Szenerie, die ich wohl weniger im Foto einfangen kann, aber es erinnert mich an den schönen Augenblick. Ich höre den Widerhall einzelner Vögel und ansonsten ist meine ganze Aufmerksamkeit auf alles gerichtet, was ich sehe und mir dazu denke.

Und dann blickte ich mich um, sehe wohin der Rohani sich wohl sonst zurückzieht und bin nochmal festgehalten. Eine kleine Abseite, im Dunkeln blinkt ein Kupferkessel, vor der Tür seine Hausschuhe, Plastik-Latschen, wie sie überall üblich sind, um den privaten Ort rein zu halten, sowie Gießkanne und Besen zum Säubern. Ein kleines Stilleben.

Ich bleibe eine ganze Weile im Halbdunkel dieser kleinen Oase stehen, bis ich erneut den Rohani sehe, der mit seinem Buch in den Händen lesend auf den Platz hinaustritt und schließlich genau dort stehen bleibt, wo die Sonne mit ihren letzten Strahlen hingelangt.

Wir gehen in einen der kleineren Innenhöfe und streifen dort umher. Während wir uns umsehen, ist der Rohani aus dem Innenhof mit seiner Lektüre zurückgekehrt. Er sieht uns, senkt das Buch, geht auf uns zu und spricht mich freundlich an. Wo ich herkomme, möchte er wissen und reicht uns Gebäck. Wir führen eine kleine feine Unterhaltung auf Englisch. Er heißt mich herzlich Willkommen im Iran, lächelt mich warm an und ist sehr interessiert an meiner Wahrnehmung. Zum Abschied wünscht er uns eine wunderbare Zeit und ich kann beobachten, wir er nach uns auch den anderen Rucksack-Reisenden in ein Gespräch verwickelt. Sie lachen und es ist schön mit anzusehen.

Kleiner persönlicher Exkurs

Schließlich entschuldigt sich Elaheh kurz, um im Inneren der Moschee für ihren Vater beten zu gehen, der sich leider dieser Tage ins Krankenhaus begeben muss. Ich verstehe sie nur all zu gut und nehme mir ebenso den Moment zur Ruhe, mich in einer Nische niederzulassen, um an ihren, aber auch an meinen Vater zu denken. Er hätte diesen Ort mit Sicherheit ebenso bewundernd genossen. Ich schließe die Augen, spüre die Sonne im Gesicht, der Wind trägt Farsi-Gesänge aus einem kleinen Museumsteil der Quergänge herüber und rufe mir sein lachendes Gesicht in Erinnerung. Er hatte ein ansteckendes Lachen. Und in meinem Gedächtnis verengen sich seine Augen dabei zu ebenso kleinen albernen Schlitzen wie meine. Früher wies man Ähnlichkeiten mit den Eltern gern weit von sich, später sucht man sie. Aus dem Wunsch der Verbundenheit und wohl auch manchmal nach dem eigenen Erkennen heraus. Aber vielleicht sollte ich nicht für alle sprechen, mir jedenfalls geht es so. Und dieses kleine Innehalten, weit weg im Iran, bringt mich meinem Vater für Sekundenbruchteile gefühlt ganz nahe.

Als Elaheh wiederkommt, wische ich mir schnell die Tränen aus dem Gesicht. Es sind keine traurigen, eher habe ich den Eindruck, dass mich die Stimmung in dieser Umgebung ungewöhnlich offen für ein wildes Potpourri an Gefühlen werden lässt – sozusagen ungefiltert direkt und dadurch wiederum schön. Aber ich möchte nicht, dass sie meine Tränen falsch deutet, denn schließlich liegt mir viel daran, sie darin zu bestärken, dass es ihrem Vater bald besser gehen wird.

Akustische Besonderheiten

Wir atmen einmal gründlich durch und setzen unseren Weg durch die riesige Anlage fort. Jemand erzählte uns, dass es einen bestimmten Punkt unter der Kuppel der Moschee gebe, von der aus die eigene Stimme wie durch ein Megaphon verstärkt würde. Das probieren wir direkt aus und es klappt tatsächlich! Ich recke den Kopf gen Decke, tariere die genaue Mitte aus, beginne zu sprechen und höre meine Stimme so laut, als stünde ich in einem Studio, würde ins Mikrophon sprechen und mich durch die Kopfhörer selber hören. Doch ehe wir uns zu weiteren Experimenten hinreißen lassen, entscheiden wir uns dafür, den anderen auch noch etwas Ruhe zu gönnen und trollen uns gemächlich Richtung Ausgang.

Ein letztes Mal lassen wir die Eindrücke der Königsmoschee auf uns wirken, ehe wir uns auf den Weg machen, den alten Bazar zu erkunden, der einige Überraschungen für uns bereit hält …

(*)Rohani oder auch Akhund (gesprochen “Achund”) sind islamische Geistliche im Iran

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