Exkurs: Ich vermisse Istanbul

Wer bei Facebook ist, kennt es: „Wir dachten, du möchtest vielleicht an diesen Moment vor 2 Jahren erinnert werden.“ Und schon hast du ein Foto vor Augen, dass dir womöglich astrein veranschaulicht, wie schlecht das Heute im Vergleich mit dem Damals wegkommt. Ich muss dann immer an jene denken, die Momentaufnahmen mit ihren Ex-Wonne-Partnern gepostet haben und nun – pünktlich zum Höhepunkt ihres emotionalen Frustlevels im Reich der Restposten – den Bildschirm anfauchen: Nee, möchte ich nicht!

In meinem Fall stellt sich eher ein sehnsuchtsvoller Seufzer ein. Denn heute vor 2 Jahren residierte ich auf einer der Prinzeninseln vor Istanbul und daran wurde ich erinnert. Kınalıada ist die nördlichste der neun Inseln, die südöstlich des Bosporus liegen, und die am dichtesten besiedelte der Inselgruppe. Nach meinem Empfinden vor allem von Möwen, die insbesondere nachts meine Gastgeber in den Wahnsinn trieben, wenn sie meckernd über ihr Dach tribbelten, denn ihr Schlafzimmer lag direkt darunter. Aber auch ich stöhnte auf, wenn gegen Abend endlich mal Ruhe einkehrte, dann aber der Muezzin wieder alle Möwen aufscheuchte und ihr Kreischen zwischen den schmalen Häuserschluchten widerhallte.

Meine Gastgeber hatte ich bei meinem vorherigen Istanbultrip im Hush Hostel Lounge Kadıköy kennengelernt und nun war ich ihr erster Airbnb-Gast. Sie gingen ihrem beruflichen Alltag nach und wo es passte, verbrachten wir die Zeit gemeinsam. Auf der Insel selbst ist man schnell mit Gucken fertig, da sie gerade mal 1,3 qkm umfasst. Dafür konnte ich dort herrlich entspannen, wenngleich meine rudimentären Türkischkenntnisse stark gefordert wurden. Die meisten, denen ich begegnete, sprachen kein Englisch und so musste ich in meinem Wortgedächtnis manchmal gründlich wühlen. Kann zu Irritationen führen, wenn man „süt“ (Milch) mit „su“ (Wasser) verwechselt und der Kellner denkt, der Kaffee wäre einem zu stark. 😉

Aber man ist ja nicht auf der Insel gefangen. Mehrmals am Tag legen Fähren ab, mit denen man wahlweise ans Festland oder zu den anderen Inseln gelangt. Zu meiden sind allerdings die Fahrzeiten der Tagesausflügler bzw. der pendelnden Berufstätigen, also die Rush-Hour. Dagegen ist eine Fahrt vom Hamburger Hauptbahnhof nach Hammerbrooklyn zur Stoßzeit nix. Ansonsten sind die Überfahrten immer herrlich, jedenfalls für mich. Musik auf die Ohren, träumen, Wind im Gesicht und mit etwas Glück sieht man auch mal Delfine.

Ich denke total gerne an meine Aufenthalte in Istanbul. Jeder war anders. Und jeder auf seine Weise besonders. Immer gespickt mit schönen menschlichen Begegnungen. Es ist schade, dass nun so viele von einer Reise absehen. Selbst ich hab dieses Frühjahr pausiert. Allerdings nicht, weil ich Angst hatte oder gar die Türkei als Reiseland boykottieren möchte. Eher aus Rücksichtnahme, weil es einen für mich wichtigen Menschen gab, der in meiner Abwesenheit keine ruhige Minute vor Sorge gehabt hätte. Die Medien leisten ganze Arbeit.

Natürlich ist die Entwicklung in der Türkei tragisch. Als Mitglied der Ko-Gruppe Türkei bei Amnesty International bin ich bestens im Bilde. Daher stimmt es mich auch traurig, wenn die Menschen dort allein gelassen werden. Eine Sprache ist ein Mensch, aber nicht ein Land bzw. seine Regierung (!) sind die Menschen. So habe ich es im Iran erlebt und das gilt gleichermaßen für die Türkei.

Vielleicht sollte ich ja noch eine Kategorie “Türkei” hinzufügen … !?

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