Kadıköy, Musik und die italienische Invasion

Mein erster Morgen in Kadıköy begann mit einem müden Auge. Mit dem zweiten sah ich besser und das schielte Richtung Fenster. Nicht der Muezzin hatte mich geweckt, sondern eine Synthesizer-Melodie. Denn unweit des Hostels liegt eine Schule und statt eines Pausengongs, trällert dort regelmäßig eine gar nicht mal kurze melodische Einlage los. Während ich gen Dusche schlurfte – ich hatte ein Zimmer mit eigenem Bad – summte ich mit, was zu einem gewohnheitsmäßigem Ritus wurde.

Milchtüten falten nur Deutsche 

Zum Frühstück stand ein kleines Buffet bereit. Ich zog mit meiner Auswahl in den Hinterhof, der von den ersten Sonnenstrahlen dieses Oktober-Morgens angenehm aufgewärmt wurde. Nach einer Weile trafen die ersten Gesichter des Vorabends ein. Nicht alle davon wohnten auch in dem Hostel, aber die Geselligkeit zog sie dorthin zurück. Ein bisschen zerknautscht waren wir alle nach der langen (oder auch kurzen) Nacht. Aber Kaffee und Morgensonne holte uns ins Leben zurück. 😉

Als ich mir Kaffee nachholte und dabei die Milchtüte leerte, begann ich gewohnheitsmäßig damit, sie vor dem Wegwerfen flach zu falten. Eine deutsche Mitarbeiterin des Hostels lachte amüsiert, als sie mich sah: „Lass gut sein! Schmeiss das Ding einfach weg. Nur Deutsche machen sich die Mühe, die Tüte vorher zusammen zu falten, aber hier ist das echt so egal. Die Müllbeutel türmen sich so oder so.“ Also zuckte ich mit den Achseln, ließ das unvollendete Kunstwerk in die Tonne fallen und fühlte mich unglaublich Deutsch – sowohl deshalb, erst falten zu wollen als auch, anschließend direkt die Anweisung ausgeführt zu haben.

Mein italienischer Guide der ersten Stunde

Ich war genau zu der Zeit im Hostel gelandet, da ein italienischer Mitarbeiter dort seine letzten Tage vor seiner Weiterreise ins nächste Land auskostete. Er war auch der Initiator unserer musikalischen Ausflüge, wenn wir abends zusammenkamen. Da wir beide Musiker waren, entwickelten sich dadurch natürlich Gespräche und so kam es, dass er in den ersten Tage gelegentlich mein Guide wurde, als ich Istanbul erkundete. Er zeigte mir z.B. einen meiner zukünftigen Lieblingsplätze in Üsküdar: Ein Café am Wasser, mit Blick auf die Kız Kulesi und die Lichter von Sultanahmet auf der europäischen Seite.

Kız Kulesi (Mädchenturm), ist ein Leuchtturm aus dem 18. Jahrhundert im Bospurus. Der Legende nach wurde in ihm eine Prinzessin von ihrem Vater eingesperrt, nachdem ein Wahrsager ihren Tod durch Gift vorhergesagt hatte. Die Erzählung mutet ein wenig wie eine Kombination aus Schneewittchen und Rapunzel an. Wobei hier weder Prinz noch Apfel im Spiel waren, sondern eine Schlange, die sich in einem Obstkorb versteckte und zum tragischen Ende führte.

Wir saßen bei Çay (Tee) und Simit (Sesamring) im Schneidersitz am Wasser, hörten via Kopfhörer Sufi-Musik¹ und sahen dabei zu, wie das gegenüberliegende Bosporus-Ufer in den Sonnenuntergang getaucht wurde.

Durch ihn kam es auch, dass ich meinen zweiten Abend in Istanbul fast nur unter Italienern verbrachte – in großer Runde fanden wir uns alle in einem Fisch-Restaurant in Kadıköy zusammen, und ich nach seiner Abreise (als ich gerade mal ein paar Tage in der Stadt war) bereits lässig Leuten über die Straße hinweg grüßte.

Musik verbindet Menschen

So sehr unser liebenswert verrückte Italiener das Hostel-Leben auch aufmischte und Menschen verband, gab es doch auch viele andere Begegnungen, die meinen ersten Aufenthalt ausmachten. Besonders unsere Musik-Abende im Hinterhof ließen etwaige Sprachbarrieren schnell zur Nebensache werden. Wir kommunizierten manchmal nur durch Musik! Obwohl ich mein eigenes Instrument nicht zur Hand hatte, nahm ich einfach ein anderes, das mir hingehalten wurde (ich konnte mit Atem, Rhythmus und Stimme arbeiten) und führte quasi einen musikalischen Dialog mit einem Gitarrenspieler, der sonst kaum ein Wort rausbrachte. Währenddessen kuschelten sich Katzenkinder, die in eben jenem Hinterhof zur Welt kamen, an genau diejenigen, die nicht danach riefen, aber ehrfurchtsvoll erstarrten. 😉

Auch sonst ergab meine erste Istanbulreise ein herrliches Potpourri an schönen, irren (und ich meine wirklich amtlich irre) und langfristigen Bekanntschaften, die amüsante wie aberwitzige Anekdoten ergaben und zu weiteren Reisen in diese widersprüchliche, aber wunderschöne Stadt führten.

Sei dies ein leidgeprüfter Ägypter, der die Polizei abwimmeln musste, weil wir nicht mit Singen aufhörten, ein durchgeknallter Türke, der nüchtern (und unbekifft) vermutlich nicht lebensfähig gewesen wäre oder eine Indonesierin, deren erster Airbnb-Gast ich werden sollte … oder, oder, oder … stay tuned. 😉

¹ Sufi-Musik: Oberbegriff religiöser Musik-Richtungen aus dem Sufismus (mystische Strömung des Islams)

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